Liebe auf einer Liege (1.1) über Zwiespälte eines Singles

Sie setzte sich nicht. Sie ging von einem Fenster zum anderen und besserte mit großer Sorgfalt die Falten der Vorhänge, die bei mir gewöhnlich in Unordnung sind, nach.

– Schöner Stoff. – Es waren an diesem Tag die einzigen geordneten Worte, die sie sprach. Zumindest kam es mir damals so vor.

Danach sprach sie eilig und warf mir dabei kurze, kalte Blicke.

– Ich kann darüber nicht reden, keine Ahnung, ob ich Angst davor habe, mich schäme oder einfach nicht daran denken möchte. Eigentlich ist es unwichtig, weil ich weiterhin alles, was ich weiß, darüber, was passiert ist, möchte das alles nur für mich behalten. Sie werden mich fragen, warum ich also gekommen bin… Ich weiß es selbst nicht ganz, vielleicht brachte mich hier der Schmerz, den ich fühle, der droht, mit den Brustkorb zu zerreißen, oder weil es manchmal gut ist, in Anwesenheit einer anderen Person zu schweigen, einer Person, die nicht beurteilt, keinen Bericht erwartet, mit einer Person, die nicht im Geiste betet, dass ich nicht wieder darüber zu sprechen beginne… Weil wenn ich einfach nur sitzen werde, in eigene Gedanken und Überlegungen, Analysen und Schlussfolgerungen vertieft, dann – vielleicht noch nicht heute, nicht in einer Woche, aber irgendwann das Schweigen mit einer schüchternen Frage oder einer einfachen menschlichen Offenbarung, unterbrechen werde. Lassen Sie mich also am Anfang nur schweigen, nur sitzen und nehmen Sie es mir nicht übel, weil ich plötzlich, ohne Ankündigung und Abschied, einfach aufstehen und weggehen kann. Ja, natürlich, solange ich spreche, legen wir vielleicht den nächsten Termin fest.

Ich weiß nicht warum, aber ihren Vornamen habe ich im Kalender unter der festgelegten Stunde mit Großbuchstaben geschrieben. Und als sie plötzlich, nach der Vereinbarung des nächsten Termins, aufstand und wegging, habe ich die Buchstaben mehrmals verdickt… Vielleicht war ich lediglich gedankenverloren, vielleicht aber doch neugierig. Sicherlich dachte ich, dass ihre Persönlichkeit sehr komplex ist, obwohl ich mich vielleicht irrte.

Etwa einhundertachtzig Minuten Gespräche über Wirkung der Paste, die den Zweizentimeterfleck im Warteraum, neben dem linken Bein des Tisches, entfernt hätte, über dem Regen, der ihre präzis gelegte Frisur zerstörte, über eine alte Frau, die trotz Müdigkeit ihren kranken Ehemann pflegt, über dem Telefonanruf von ihrem Sohn und über noch ein paar Details, für die sie entschuldigte, sie aber an diesem Tag nervös gemacht oder erheitert haben.

Nur einmal hielt sie bis Ende der Sitzung aus. Heute kommt sie wieder.

– Stellen Sie sich vor, dass in Ihr Inneres ein Wurm eingedrungen ist, nein, er nistete sich dort ein, wuchs dort, unbekannt wie und woher, es gibt in dieser Hinsicht nur Vermutungen, keine Sicherheit. Allerdings ist es egal. Er sitzt in Ihnen und beißt Sie von innen, saugt das Optimistische aus, die Lebensfreude, er nippt aber nicht daran, sondern frisst, gierig, zügellos, ist besitzergreifend und hat nur ein Ziel: Sie zu zerstören. Können Sie sich das vorstellen, fühlen? Seine Widerwärtigkeit fühlen, sein Volumen, Masse, den Raum, den er in Ihrem Körper einnimmt?

Ich erstarrte. Beeindruckt, konnte ich den Mund nicht öffnen. Ich war nicht imstande etwas zu sagen, ich fühlte, wie meine Knie zittern, als wenn eine andere Person ins Zimmer gekommen wäre und – den Rücken an die Tür drückend, energisch mit dem Mund bewegend – mich mit ihren bohrenden, eine Antwort erwartenden Augen, wie ein Irrer, der ohne Aufsicht aus dem Irrenhaus entkam, anglotzte.

– Sagen Sie mir bitte, ob Sie verstehen können, warum etwas scheinbar Gutes, Hilfreiches, fast Göttliches, mich auffrisst, foltert und mir nicht erlaubt, glücklich zu sein? Verdammte Systeme, neuronale Verbindungen, Verhältnisse des Körpers mit dem Geist, Überzeugungen. Das einzige Familienerbe… verdammte Moral… – Ihre Stimme wurde leiser und der Atem verlangsamte, tiefer und immer lauter wurde, den ganzen Raum in meinem Gehirn ausfüllte. Mein Körper erschlaffte bei der Ansicht ihrer unbewusst entlang der Tür abrutschenden Gestalt. Erst als sie begann, mit der Faust mein schokoladenfarbenes Parkett zu schlagen, bewegte ich mich ungeschickt in ihre Richtung. Als ich ihr Gesicht in meine Hände nahm, verstand ich, dass die Grenze zwischen Normalität und Wahn nur eine Täuschung ist, dass wir in diesen beiden Zuständen wie in zwei parallelen Welten existieren und nur durch die Reaktion auf die jeweilige Situation der Welt und den uns umgebenden Menschen – falls wir ihnen genug trauen – wo wir uns gerade mit unserem ganzen Dasein befinden, verraten. Es war nicht die erste Stufe des Wahns, es war ihre bewusse Entscheidung. Heute wollte sie ihre Welt, die sie sorgfältig aufbaute, über die sie übermäßig und viel zu übereifrig sorgte, zum Duell fordern. Nicht, um sie zu zerstören, sondern um sie zu verstehen.

Nach einer solchen Befreiung ist eine Rückkehr zu nichtigen Gesprächen unmöglich. Möglich vielleicht, es wäre aber unwirklich, künstlich, mit Unnatürlichkeit konturiert. Die in den letzten Wochen geformte Schablonenhaftigkeit der Treffen zerplatzte. Ab diesem Augenblick verschlang ich jedes ihrer Worte, die als „vertraulich” gestempelt und in einer Metallschublade verschlossen werden sollten. Aber nein. Jeden Tag nach der Arbeit nahm ich ihre Worte nach Hause und analysierte sie hundertfach, beschämt, versuchend, sie an mein Leben anzupassen.

FORTSETZUNG FOLGT

Wioletta K. (Klinicka)

Autorin von populärwissenschaftlichen Artikeln, Lehrgängen aus dem Bereich persönlicher Entwicklung, Belletristik, Gedichte und poetischer Prosa über Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, Krisen-Coach, Bloggerin und Eigentümerin der Webseite www.oklinicka.com

Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche: Turbo tłumaczenia; Paweł, Trier 2018.

Polnische Version:

Miłość na kozetce cz1.

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