Liebe auf einer Liege (1.4) über Zwiespälte eines Singles

Kann man jünger werden? Nicht körperlich, weil dazu ein gutes Skalpell und sichere Hand eines Fachmanns notwendig sind. Geistig. Vielleicht ist es nur dann möglich, wenn man jemanden, der noch verrückter, noch optimistischer, als wir selbst sind, trifft? Woher nehmen es solche Leute? Wie ergänzen sie ihre Kapazitäten positiver Energie? Vielleicht muss man so schon geboren sein – oder reicht eine Entscheidung? Haben ans Leben positiv eingestellte Menschen Unannehmlichkeiten? Als ich sie anschaute, dachte ich, dass sie sie haben, jedoch sehr schnell mit allen Hindernissen, die das Leben ihnen stellt, zurechtkommen.

– Er ist verheiratet, sie haben Kinder – sagte sie plötzlich. – Ich habe ihn ganz zufällig kennengelernt, bei einer Party, hätte nie gedacht, dass er mir den Kopf verdrehen könnte – begann sie zu erzählen.

Ich habe etwas anderes erwartet, wollte mir die die Finger in die Ohren stecken, schreien, dass sie weggehen, mein Sprechzimmer verlassen soll, dass sie eine seelenlose Schlampe ist, dass sie allein für die Wendung „er ist verheiratet“ gekreuzigt werden sollte. Und sie erzählte, verband mit einer solchen Sehnsucht Worte in Sätze, baute mir so gut bekannte Bilder auf, breitete vor mir eine Vision, die ich nicht sehen wollte, aus… Alles, was ich in den letzten Stunden erlebt habe, ist verflogen, wich vor der Vergangenheit zurück. Ich zischte und krallte die Fingernägel in die Armlehnen des Sessels. Ich muss jedoch, ich muss ihr zustimmen – manchmal kommt es vor, dass plötzlich etwas oder jemand unsere scheinbar geordnete Welt ruiniert. Einfach so, unverhüllt, weil jemand solche Laune hat.

Nach einigen Augenblicken hörten ihre Worte auf, mich zu erreichen, ich übertönte sie mit meinem Schmerz, den sie aufleben ließ. Ich wachte erst auf, als sie sagte:

– Wir leiden alle und der Gott ist dafür schuldig, weil er uns das gewisse etwas gegeben hat, die verdammte Gabe des Fühlens, die Gefühle, Emotionen, Liebe… Ich hatte nicht mal die Kraft zu beten, dass er mich nicht liebt, und gerade darüber sollte ich, dass wollte von mir der Wurm, der die Ruhe aussaugt…

Wieder hörte ich nicht, ich konzentrierte mich an ihrer Feststellung, dass wir alle leiden… Diesen Gedanken nahm ich nach Hause, ins Bett, ich schmiegte mich an ihn in der schlaflosen Nacht. Durch das Prisma dieses Gedanken schaute ich beim Frühstück meinen Mann, meine Kinder, an. Als wenn ich sie zum ersten Mal seit einem Jahr sehen würde. Nein, unmöglich – mein Leid war doch am größten. Was interessieren mich die Anderen? Naja… Kinder, aber ihnen täuschten wir es so perfekt vor… Ich verwarf den Gedanken, dass sie etwas wissen könnten. Nein, es war unmöglich – wir können doch lügen, es gelingt uns am besten, sich selbst und andere zu betrügen. Verharren in scheinbaren Verhältnissen.

Sonntagabend überprüfe ich, was nächste Woche geschehen soll. Ich werde die gleichen Gesichter treffen, über gleiche Probleme hören, am Mittwoch mit meinen Eltern Mittagessen im bekannten italienischen Restaurant, wo der zweite Gang immer zu spät serviert wird, essen. Und am Donnerstag? Am Donnerstag hat sie einen Termin bei mir. Ich wusste, wusste es mit meinem ganzen Dasein, dass ich ihr am Donnerstag sagen muss, dass ich sie nicht mehr führen kann. Ich werde ihr jemanden empfehlen, mehr kompetenten, ja… Ich begann zu überlegen, wen ich ihr empfehlen könnte, am besten eine Frau, ironisierte ich, weil meine Fachkollegen verheiratet sind und sie doch… Ich erstarrte. Was tue ich? Was mache ich? Wie kann ich, Psychologin mit einer so langen Erfahrung, so über eine Patientin denken?

In der Nacht warf ich mich von Seite zur Seite und je nach Lage tadelte ich mich fürs Bewerten einer Patientin oder entschuldigte mich, weil ich ja doch nur ein Mensch bin. Was kann ich schon, ich, miserable Nachahmung Gottes? Woher sollte ich die Kraft nehmen, um niemanden zu beurteilen oder Leid zufügen? Tun wir Leid an, wenn wir beurteilen? Nein, nein… ich verwarf diese Idee, sie weiß ja nichts, kennt meine Beurteilung nicht. Ich ließ mir nichts anmerken, verriet nicht, dass plötzlich meine Achtung zerbarst, weil sie den Mut hatte, sich mit einem verheiratetem Mann zu treffen. Als sie mich an diesem Abend anschaute habe ich ja doch Interesse vorgetäuscht und darin bin ich gewandt. Oft, für eigenen Nutzen, täuschen wir vor, dass wir hören. Ich habe es beherrscht, die Klienten haben es mich gelehrt, die Zeit schulte mich. Wie könnte es anders sein, einige kommen ja zu mir nur deswegen, weil ihre Mutter ihr Verhältnis nicht akzeptiert oder der Chef es so wollte, weil er das Burnout-Syndrom bemerkt hatte? Oder diese Teenager, die meinen, dass sie schon alles wissen, jedoch ihre Eltern oder Lehrer es nicht bemerken und dadurch ihnen durch übermäßige Aufmerksamkeit und Sorge Leid zufügen. Sie haben keine Ahnung, dass sie selbst in einigen Jahren mit großer Entschlossenheit um Aufmerksamkeit anderer kämpfen werden. Ich kann ja nicht eine Sitzung ablehnen, weil sie eine Affäre mit einem Verheirateten hat, nur weil sie… Und wenn sie dahinterkommt?

FORTSETZUNG FOLGT                                                               (Ich werde Teil 3 lesen)

Wioletta K. (Klinicka)

Autorin von populärwissenschaftlichen Artikeln, Lehrgängen aus dem Bereich persönlicher Entwicklung, Belletristik, Gedichte und poetischer Prosa über Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, Krisen-Coach, Bloggerin und Eigentümerin der Webseite www.oklinicka.com

Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche: Turbo tłumaczenia; Paweł, Trier 2018.

Polnische Version:

3. Miłość na kozetce

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