Ich werde „Ausländerin“ genannt, aber ich betrachte mich nicht so.

Niemand glaubt mir, dass der Einzug nach Trier keine wirtschaftlichen Gründe hat. Meine Wahl erscheint den Menschen unverständlich, dazu schockiere ich alle, denen ich sage, womit ich mich beschäftige. Solche Verrückte wie mich gibt es jedoch sicherlich mehr, nicht jeder gibt es aber zu.

Der Herbst hat dieses Jahres alle Sinne verwöhnt. Unverhüllte weibliche Körper strichen verführerisch männliche Figuren. Noch ein Monat, noch zwei – dachte ich am Tisch in meinem Lieblingspub am Kornmarkt, die Natur hat es uns geschenkt, sie erlaubt den Verspäteten sich zu verlieben. Weil meiner Ansicht nach die Sonne nach jeder Art von Liebe riecht. Nach der, die ich hier in Trier gefunden habe. Seit dieser Zeit sind drei Jahre vergangen. So habe ich mir gedacht und begann, diesen Artikel zu schreiben:

Ich werde „Ausländerin“ genannt, aber ich betrachte mich nicht so.

Den ersten Aufenthalt in Trier schenkte mir meine Firma. Der dreimonatige Vertrag, der noch einen Tag vor der Abreise nicht sicher war, eine Reise zu einer Stadt, von der ich nie etwas gehört habe, verlängerte sich auf zwei Jahre. Am Anfang wollte ich hier nicht sein. Alles war fremd, sogar die deutsche Sprache klang unbekannt. Bis heute erinnere ich mich, wieviel Mühe mich gekostet hat, zu verstehen, was zu mir gesagt wird. Trotzdem – als man mich nach dem Urlaub gebeten hat, zurückzukehren – habe ich zugestimmt. Und dann habe ich mich verliebt.

Die Stadt mit ausgeruhten Augen sehend, wollte ich sie kennenlernen. Dieser Wunsch verwickelte mich in eine Liebeaffäre, machte aus mir eine leidenschaftliche und bis ins Knochenmark treue Liebhaberin. Ich will es selbst nicht glauben, weil ich mich immer für eine Europäerin hielt, einen freien Vogel, der sich nirgendwo länger aufhält. Aber obwohl drei Jahre vergangen sind, fühle ich mich wie in der ersten Liebesphase.

Wenn ich manchmal diese Geschichte erzähle, beginne ich aus Scham leiser zu sprechen – wie könnte es dazu kommen, dass eine mit altertümlicher Geschichte überfüllte Stadt mich nicht sofort entzückte? Ich bin ja Historikerin und obwohl ich mich in der Endphase der Römischen Republik spezialisiere, sollte ich über diese Stadt einiges wissen. Wie könnte mich eine Stadt voll romantischer Gassen, die die Sinne stimulieren und mich als Schriftstellerin formen, nicht verführen? In die Stille und vernebelte Lichter verliebt, schreibe ich nach Mitternacht meine besten Gedichte. Hier wird mein Körper vom feinen Wind, der gegen die Mauern riesiger Tempel schlägt und dabei Liebesgeschichten erzählt, liebkost. Aus Eifersucht, habe ich im gemütlichen Garten in Heiligkreuzein Buch über Liebe im Netz geschrieben. Wie sich aus den Besprechungen ergibt, ist es nicht mit süßen Texten überfüllt, sondern ist eine kluge, mit Reife und Überlegungen gefüllte Lektüre, die sowohl Frauen als auch Männern in jedem Alter (naja, vielleicht doch eher den etwas älteren) empfohlen wird. Mir ist Glück anderer Menschen – sowohl der in Beziehungen lebenden, als auch der einsamen – wichtig. Deswegen schreibe ich populärwissenschaftliche Feuilletons über weiblich-männliche Verhältnisse, die die Form von Dialogen zwischen Wioletta und ihrem Freund Robert oder der Therapeutin und ihren Klienten, die eine schmerzlose Trennung durchmachten, haben.

Zurück jedoch zu meinem liebsten Trier: kleine Seen, Berge und Wälder mit ungewöhnlichen Farben entzücken das Auge jeden Tag. Man muss es nur sehen können, die Umgebung so anschauen, als wenn man es jeden Tag neu sehen würde. Von Zeit zu Zeit mit der Stadt eine Date zu haben, sich von ihm verführen und liebkosen lassen. In einer solchen Stadt, die sowohl Entspannung, als auch Unterhaltung bietet, ist es nicht möglich, zu lieben, also unterlag auch ich der Liebe. Indem ich erlaube, dass Männer mir das Herz brechen, reime ich Emotionen mit dem Takt städtischer Uhren und Trier saugt meine enttäuschten Gefühle auf. In dieser Stadt kann sich eine Single nicht einsam fühlen. Sie hat so viel zu bieten: in Louisiana kann man Spiele anschauen, ins Theater gehen oder in Tufa Musical anschauen, in Kasino Salsa tanzen oder sich in einem der Traumgärten hinsetzen und beim Moselwein ein Buch lesen oder schreiben.

Eines Tages spielten Kinder am Brunnen und ich schaute aus dem Bitburger Wirtshaus ihre Eltern an. Eine Frau musste meinen Blick auf ihren Rücken fühlen, drehte sich um und schmiegte sich enger an ihren Mann. Das ist meine Aufgabe! Gerade hier, in Trier, reden und schreiben – über die Liebe, oder manchmal andere mit dem Blick zu bewegen, dass sie sie gegenseitig äußern. Ich wollte es ihr erklären: „Nein, ich bin nicht an Ihrem Mann interessiert, ich bin schon in eine Affäre verwickelt.“

Vielleicht gibt es solche, die mich als eine Fremde ansehen, ich betrachte mich aber nicht so. Ich fühle mich in Trier wie zuhause. Hier verbessere ich im Tasi mein Deutsch, hier arbeite und schreibe ich. Und glaube, dass nicht nur diese Stadt mir „das Besondere“ gibt, sondern auch ich sie einzigartig mache. Eine Stadt besteht ja nicht nur aus Gebäuden und besteht nicht nur aus den Buchstaben in seinem Namen – eine Stadt wird durch Menschen geschaffen und sie wird umso mehr einzigartig, je einzigartiger ihre Bewohner sind. Der ältere Herr, der in der Nähe des Basilika russische und französische Stücke spielt, die, die jeden Morgen unsere Straßen reinigen, die, die für uns kochen und uns Brot verkaufen, die in dunklen Anzügen, die uns anlächeln, die die „der Nächste bitte“ sagen, die, die die Zeitung herausgeben, in römische Kleider angezogen die Touristen in das Amphitheater zu den Gladiatorenkämpfen führen, sowie die, die am Abend unsere Drinks mit bunten Regenschirmen dekorieren.

Bald kommt der Winter, viele Parks werden leer sein und die Menschen hören auf, in ihnen das sonderbare Spiel mit silbernen Kugeln zu spielen. Es ist jedoch unwichtig: abends werde ich den gleichen Lärm in der Kneipe hören, es wird also schön verbrachte Zeit. Wenn alles still wird, werde vielleicht auch ich wegen der Kälte mich stärker an jemanden anlehnen. Falls nicht, werde ich etwas warmes Wein trinken, auf einem der Plätze, wo es schon nach dem Weihnachtsbaum und warmen Köstlichkeiten riechen wird und die Weihnachtslaternen viele traurige Seelen erhellen werden.

Wenn du diese Stadt liebst, kannst du sicher sein, dass sie dir nicht schuldig bleibt, weil Trier aus solchen Menschen wie du und ich besteht.

Ich bin 1975 geboren. Es war ein wunderbares Jahr, obwohl ich es damals nicht wusste. Ich habe wenige Erinnerungen aus der Zeit des Kommunismus, vor Beitritt Polens zu der EU überschritt ich jedoch viele Male die Grenze meines Landes. Meine Wanderung durch Europa unterbrach ich, um meinen Sohn zur Welt zu bringen und ihn aufzuziehen. Als eine Vierzigjährige kam ich nach Trier. Ich träumte zwei Jahre davon, hier fest einzuziehen. Diesmal nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus dem Gefühl, dass hier sich mein Ende der Welt befindet. Im Mai 2017 kam mir eine Gelegenheit entgegen. Und ich nutzte das Geschenk des Schicksals. Ich hatte Angst, ich griff jedoch nach meinem Traum. Es bedeutet nicht, dass ich keine Probleme habe, sie sind jedoch ein Teil unseres Lebens unabhängig davon, wo wir uns befinden und wer wir sind. Wir müssen dann daran denken, dass auch wenn man selbst keinen Einfluss auf viele Sachen hat, man Einfluss auf das eigene Verhalten hat.

Die Menschen bleiben Ausländer, fühlen sich solange entfremdet, wie lange sie selbst das erlauben. Ich glaube daran – obwohl viele dem vielleicht nicht zustimmen werden – dass wenn wir den Ort, wo wir wohnen, lieben und die Traditionen und andere Kultur achten werden, selbst akzeptiert, toleriert und geliebt werden. Was wir geben werden, kehrt zu uns zurück. Naja, Leben ist zu schön, um irgendwo, irgendwie und mit irgendwem zu leben. Und du möchtest ja einzigartig sein, in einer einzigartig günstigen Atmosphäre leben und sich in ihr entwickeln, und dazu das Gefühl haben, dass du dazu beigetragen hast.

Mit freundlichen Grüßen

Triererin Wioletta K. (Klinicka)

 

Autorin von populärwissenschaftlichen Artikeln, Lehrgängen aus dem Bereich persönlicher Entwicklung, Belletristik, Gedichte und poetischer Prosa über Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, Krisen-Coach, Bloggerin und Eigentümerin der Webseite www.oklinicka.com

 

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