2.97

Der Geruch deiner Stadt
Verschwitzte von Mühe Gedanken kommen und gehen leidenschaftslos. Nach einem Jahr Haft im Blockhaus der Ereignisse erstickst du an eigener Ohnmacht. Und noch zwölf Monate zuvor hast du dir versprochen, deine Spuren nicht in den Gehsteige füllenden, verschlammten Schwarm einschmelzen zu lassen.
Der ganze Ball sollte dir gehören. Dir sollten alle Premieren im System der Großstädte gehören. Jede Bar sollte nach deiner Anwesenheit riechen und auf den Plakaten am Eingang ankündigen: „Keine Tickets“ oder „Sie wird hier sein“. Und nichts.
Nur deine Lippen, die seit Jahren niemand für länger küssen will, vergrauten. Deine Hüften – anstatt die Leidenschaft zu schaukeln – dienen nur zur Abstützung der Ellenbogen im überfüllten Bus. Dich begleiten nicht eifersüchtige Blicke, sondern der Schatten der Vergangenheit, der nicht vergessen lässt, dass du für dich selbst jemand warst, den du heute nicht einmal nachahmen kannst.
Auf der Strasse triffst du ähnliche Seelen; du hebst dann die Mundwinkel an oder zeigst die Zähne – ein abgesprochenes Zeichen zwischen dir und dir, zwischen bewußter dir und vergangener dir. Wenn du vergessen hättest, das Bild deiner inneren Frau, die um Befreiung bittet, gelöscht hättest, würdest dich vielleicht in diese Stadt, wo Stille einfache Stille bedeutet und nichts mehr verbirgt, verliebt.
Vielleicht, wenn du der in dir vergangener Frau zu verschwinden erlauben würdest, sie mit dem ersten Anzeichen von Stabilität begraben hättest, wärst du heute stolz darauf, dass du zum elften Mal in den letzten drei Tagen zwischen den grauen Gebäuden gehst.
Unweit des Hauses liegt der Friedhof. Du gehst dorthin, um sich zu vergewissern, dass dein Grabstein immer noch nur eine Bestellung beim Gott ist. Du bist nicht dort und bist auch nicht hier. Du überlegst nicht, ob ein Leben nach dem Leben existiert. Von der früheren Frau hin und hergerissen, fragst du dich, ob man auf einer Reise in den Tod leben kann.
Eine weitere leidenschaftslose Nacht, die im Kalender gestrichen wurde. Gut, du kannst schon anfangen zu sterben. Zuerst wirdst du jedoch den Pyjama mit Erinnerungen nässen, den Rest der Verbitterung zwischen den Augen und dem Glas versteckend.
Ein Kilo Erdbeeren, Kirschen und herbstliche Pflaumenmarmelade bestimmen den Rhythmus deines Lebens. Du wirst eine Daunenjacke anziehen und in den Winterschlaf fallen. Mit den ersten Anzeichen der Sonne besuchst du erneut die nahegelegenen, mit menschlichen Leichen gedüngten Bodenflächen. Noch nicht, noch darfst du deine blassen Füße, die deinen Körper immer unwissentlich dahin führen, wohin du nicht willst, nicht beweinen. Ein leerer Körper, ohne Emotionen, ohne Hoffnung auf Liebesereignisse.
Es gibt nur dich und dich. Die Wahl zwischen dir und dir ist deine. Heute entscheidest du wieder, wer du sein willst.

Wioletta Klinicka

GESAMTES BUCH ZUM KAUF

Der Letzte Schrei

Gedichte

Der Letzte Schrei

Recommended Posts